Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitszufriedenheit in Produktion und Logistik

Sven Winkelhaus, Christoph Glock und Eric Grosse

Die Einführung neuer Industrie 4.0-Technologien ändert durch Automatisierung und Digitalisierung die Arbeitsplatzmerkmale in vielen Bereichen der Industrie, v. a. der Produktion und Logistik. Je nach Ausprägung und Reifegrad werden diese Veränderungen von den Beschäftigten unterschiedlich wahrgenommen und können sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf Arbeitszufriedenheit und -motivation haben. Dieser Beitrag beleuchtet, wie sich deren Merkmale durch die Einführung von Industrie 4.0-Technologien ändern. Daneben stellt er ein Vorgehensmodell vor, das Unternehmen als Entscheidungsunterstützung dienen kann, um wichtige Implikationen für den erfolgreichen Transformationsprozess zu berücksichtigen und die menschenzentrierte Gestaltung manueller, technisch unterstützter Arbeitsplätze zu verfolgen.

Die digitale Transformation verändert die Arbeitswelt in ähnlichem Ausmaß wie frühere industrielle Revolutionen. In dieser Veränderung spielt auch die Ergonomie eine wesentliche Rolle, denn auch in hochentwickelten Produktionsländern ist der Mensch bei der Ausführung manueller Tätigkeiten keinesfalls immer gut geschützt. Schätzungen für die USA gehen beispielsweise davon aus, dass arbeitsbezogene Erkrankungen in etwa so hohe Kosten verursachen wie alle Krebserkrankungen zusammen [1]. Neben körperlichen Erkrankungen spielen dabei auch psychische Leiden eine steigende Rolle. Wie ein aktueller Bericht des iwd für Deutschland ausweist [2], waren Schäden des Muskel-Skelett-Systems mit fast einem Viertel aller Krankheitstage im Jahr 2020 zwar die häufigste Form der Erkrankung; es folgten jedoch psychischen Erkrankungen mit etwa 18 % noch vor Erkrankungen des Atemsystems mit 14 % auf Platz 2. Das ist beachtenswert, denn die Ziele der Ergonomie als Wissenschaft sind nicht lediglich die Ausführbarkeit sowie die Erträglichkeit und Zumutbarkeit der Arbeit, sondern auch die Arbeitszufriedenheit – Ziele, die auch für die Arbeitsplätze der Zukunft gelten, die sich gerade durch die digitale Transformation in allen Bereichen der Gesellschaft neu formieren. Doch wie wirkt sich die Digitalisierung auf Arbeitszufriedenheit in Produktion und Logistik aus? In diesem Artikel wird diese Frage näher beleuchtet, indem am Beispiel der Intralogistik dargestellt wird, dass die digitale Transformation in industriellen Arbeitsprozessen Einfluss auf Arbeitsplatzmerkmale hat, die Arbeitszufriedenheit und -motivation beeinflussen. Um die Ergebnisse nutzbar zu machen, wird ein Vorgehensmodell vorgestellt, welches strukturiert durch eine Reihe an Fragen leitet, die Unternehmen beantworten müssen, wenn sie die Auswirkungen von Digitalisierungsinitiativen auf die Motivation und Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden antizipieren möchten.

Der Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitszufriedenheit wird auch im Kontext der Industrie 5.0 relevant, welche zuletzt 2021 in einer durch die EU-Kommission beauftragten Studie diskutiert wurde [3]. Die Autoren stellen darin fest, dass sich die Entwicklungen der Industrie 4.0 sehr technologieorientiert ausprägen und dass andere Faktoren, und hierbei insbesondere menschliches Wohlergehen, unterrepräsentiert sind. Diese Erkenntnis konnte bereits zuvor in verschiedenen Studien belegt werden, z. B. [4]. Eine menschenzentrierte Gestaltung von Produktions-, Logistik- und Dienstleistungssystemen hat jedoch nicht ausschließlich eine moralische Dimension, sondern konkrete ökonomische Auswirkungen, die bei Nichtbeachtung dazu führen können, dass sich Investitionsentscheidungen im Nachgang als Fehlentscheidungen herausstellen. Ursächlich sind sogenannte Phantom-Profite, d. h. Gewinne, die bspw. mit einer Investitionsentscheidung zugunsten einer neuen Technologie prognostiziert werden, die jedoch nicht in Gänze gehoben werden können, weil die Mensch-Technologie-Interaktion nicht ausreichend in der Planung berücksichtigt wurde [5].


Bild 1: Vorgehensmodell zur Analyse der Veränderungen von Arbeitsplatzmerkmalen
bei der Einführung einer neuen Technologie.

Digitalisierung verändert die Arbeitsplatzmerkmale

Die Veränderung von Arbeitsaufgaben hat Einfluss auf diverse Arbeitsplatzmerkmale. Je nach zu Grunde gelegtem Modell können mehrere Typen unterschieden werden, wie etwa nach [6]: 1) Motivationale Eigenschaften, bei denen die Aufgabenvielfalt, die Autonomie bei der Arbeit, die wahrgenommene Signifikanz etc. eine Rolle spielen; 2) Wissensmerkmale, und hier insbesondere Eigenschaften wie die notwendige Informationsverarbeitung oder die Möglichkeit, auch kreative Arbeit zu leisten; 3) soziale Merkmale, wobei beispielsweise die soziale Unterstützung, Feedback durch Kolleginnen und Kollegen und Vorgesetzte oder die Interaktionen innerhalb und außerhalb der Organisation relevant sind; und 4) kontextuelle Merkmale, wie die physische Arbeitsumgebung, die Belastung und die Ergonomie am Arbeitsplatz. Eine umfassende Auflistung findet sich in [6].

Diese Arbeitsplatzmerkmale wiederum haben signifikanten Einfluss auf verschiedene Ergebnisse menschlicher Arbeit, wie die Arbeitszufriedenheit [6]. In einer umfangreichen Studie wurden mittels teilstrukturierter Interviews in Unternehmen verschiedener Intralogistik 4.0-Reife Unterschiede in der Ausprägung von Arbeitsplatzmerkmalen eruiert und damit die Auswirkung der Digitalisierung auf die Arbeitszufriedenheit untersucht [7]. In dieser Studie zeigte sich, dass Digitalisierung auf einige der Arbeitsplatzmerkmale direkt einwirken kann, beispielsweise auf die Aufgabenvielfalt oder die Informationsverarbeitung. Daneben ergeben sich auch Auswirkungen auf Merkmale, die nicht prominent im Fokus stehen. Ein Mitarbeiter berichtete beispielsweise davon, dass durch das eingesetzte Pick-by-Voice-System die soziale Interaktion eingeschränkt würde. Darüber hinaus sind auch indirekte Effekte beobachtbar. Eine direkte Veränderung der Ergonomie am Arbeitsplatz oder der physischen Arbeitsumgebung ist oft nicht eindeutig durch eine zunehmende Digitalisierung begründbar, zumindest solange sie nicht mit einer erhöhten Automatisierung einhergeht. Es finden sich jedoch auch positive Auswirkungen auf diese Merkmale. Gründe hierfür können darin liegen, dass eine stärkere Digitalisierung oft auch einen stärker standardisierten Prozess erfordert, sodass die einzelnen Arbeitsplätze einer stärkeren Kontrolle im Design-Prozess unterworfen sind und anders ausgestaltet werden. Auch könnten zwei unabhängigen Faktoren korreliert sein, sodass Unternehmen, die mehr Augenmerk auf die Arbeitsplatzgestaltung legen, zu mehr Digitalisierung neigen, beispielsweise, weil Prozesse stärker im Fokus sind.

Allerdings bleibt bei dieser bloßen Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Digitalisierung und Veränderung der Arbeitsaufgabe unklar, ob die Digitalisierung zu einer grundsätzlichen Verbesserung der Arbeitsplatzmerkmale beiträgt und damit auch Arbeitszufriedenheit fördert oder nicht. Wird der Prozess beispielsweise durch Automatisierung stärker standardisiert, kann dies die Autonomie negativ beeinflussen, aber kontextuelle Faktoren positiv verändern. Arbeitsteilung und die eingesetzte Technologie können zu Spezialisierung, aber auch zu Trivialisierung führen und damit Wissensmerkmale unterschiedlich beeinflussen. Wie die individuelle Veränderung der Arbeitsmerkmale durch Digitalisierung von den Beschäftigten wahrgenommen wird, hängt oftmals von der konkreten Situation und der expliziten Ausgestaltung der Organisation ab und von den Mechanismen, die dadurch ausgelöst werden können.

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